Differenzierung ist Zivilisation

Sascha Lobo kommentiert die Reaktionen auf die „Kölner Ereignisse“ auf Spiegel Online:

In diesem Kontext ist aber essentiell, zu unterscheiden zwischen den Kölner Tätern und denjenigen, die vermeintlich so aussehen wie die Kölner Täter. Hier ist der Scheidepunkt, und er ist schmerzhaft, weil Differenzierung nur eine Armlänge von Verharmlosung entfernt ist. Und weil die berechtigte Erschütterung über die Angriffe zu Wut führt, also der am wenigsten nach Hintergründen und Zusammenhängen fragenden Emotion. Und trotzdem bleibt sie zwingend notwendig, denn Differenzierung ist Zivilisation.

Zivilisiert zu sein bedeutet, nacheinander neun Schwarzhaarigen zu begegnen, die sich alle als Arschlöcher erweisen, und trotzdem dem zehnten Schwarzhaarigen nicht deshalb in die Fresse zu hauen.

Juristen haben gelernt, zu differenzieren. Manchmal in fast schmerzhafter Weise – was ihnen den oft berechtigten Vorwurf der Haarspalterei einbringt. Doch so mühsam Differenzierung ist, sie tut not – in jegliche Richtung.

Mandanten von mir betreiben in Dresden einen Internet-Versandhandel. Sie haben heftige Umsatzeinbrüche und Stornierungen bis hin zur Existenzbedrohung zu verzeichnen – weil sie aus Dresden kommen und Dresden in vielen Orten Deutschlands mit Pegida identifiziert wird. Differenzierung ist Zivilisation.

Ich habe Mandanten, die ich persönlich richtig gern mag. Ich habe auch Mandanten, die ich persönlich nicht besonders gut leiden kann – trotzdem kann ich ihr Anliegen an mich verstehen und finde, dass sie es verdient haben, von mir bestmöglich beraten und vertreten zu werden. Differenzierung ist Zivilisation.

 

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